Am schlimmsten ist die Erkenntnis, dass man ganz unten ist.
Ich weiß nicht, wann ich diese erlangt habe.
Vielleicht, als ich heute morgen um 05:30 das Haus verlassen habe.
Vielleicht, als ich in dem überfüllten Bus saß mit all den Menschen, die ganz bestimmt nicht in eine Klinik fahren.
Vielleicht habe ich bemerkt dass ich ganz unten bin, als mich das Pflegepersonal begrüßte und die Praktikantin in meinem Alter mich mitleidig ansah.
Oder beim Malen und Basteln (...!) mit meiner Therapiegruppe.
Spätestens als ich vor dem Arzt sitze der mich über alles ausfragt, wird mir klar wo ich hier eigentlich bin.
Er stellt zu viele Fragen, will Erklärungen für Dinge, die ich nicht erklären kann.
Es ist fast schon witzig, dass ich ihm erst sage, ich würde viel über mich nachdenken, und ihm dann doch nicht mein Verhalten erklären kann. Ob er sich verarscht vorkommt?
"Sie sind bestimmt eine Bereicherung für die Gruppe", sagt er. Ich will gar nicht wissen, wie er das meint.
"Weil sie bisher keine Psychos mit grünen Haaren hier haben?", platzt es dann doch aus mir heraus. Warum rede ich so?
Er lacht. Vermutlich weil er jung und cool ist, und meinen Humor versteht.
Nach dem Gespräch verziehe ich mich zum gefühlt zehnten Mal auf die Toilette.
Die Leute hier sind okay, so okay wie sie mir nach ein paar Stunden eben erscheinen können.
Wieder kommen mir die Tränen. Montag bis Samstag, mindestens fünf Wochen lang, muss ich hier stundenlang sitzen.
Alle genießen die freie Zeit, und ich? Ja, ich sitze auf der Toilette einer Psychoklinik, soll meinen Psychofaktor reduzieren und die Gruppe mit meinen grünen Haaren bereichern. Alle hier sind älter als 25, ich komme mir vor wie ein Kleinkind.
Immernoch Tränen. Weggewischt. Weitermachen.
Das Mittagessen landet im Müll. Ich habe Hunger wie sonstwas, aber es schmeckt eklig, wirklich eklig.
Ich bemerke die Blicke der Pfleger. Wahrscheinlich werde ich ab morgen zwangsernährt. Wobei, bei einer kleinen Diät könnten die mich hier ja schon unterstützen. Vom Fleisch fallen werde ich denen bestimmt nicht, bei meinen Reserven überall, haha. Dank meinem Bänderriss (rennt niemals nachts besoffen über Wiesen, es könnten Löcher im Boden sein) muss ich nicht zu den Sportgruppen. Schade aber auch.
Also darf ich heute eher gehen. 13:30. Ich mache mich auf den Weg zum Bus. Das war er also, der erste Tag.
Ich komme nach Hause und schließe meine Zimmertür hinter mir. Es ist keiner da, ich bin alleine mit mir, und ich weiß nicht wie ich das finden soll. Möchte ich mit irgendwem darüber reden? Für eine Antwort an mich selbst ist keine Zeit.
Meine Augen brennen, mit einem lauten Knall landet meine Tasche auf dem Schreibtisch. Ich lasse mich auf mein Bett fallen und heule. Ja, schon wieder. Keine Ahnung was da heute los ist.
Ich will das alles nicht. Ich will einfach nur normal sein. So sein wie andere in meinem Alter.
Wie konnte ich zulassen, dass ich jetzt so eine Scheiße machen muss?
Ich hasse mich dafür. Ich hasse das was war. Ich hasse das was sein wird.
Was ist nur aus mir geworden?