24. Juni 2013

wenn nichts mehr bleibt

Ich stehe vor dem Spiegel und schaue mich an. Eine Minute, zwei, drei. 
Die Zeit vergeht, und ich merke irgendwann, dass ich mich nicht mal wirklich angucke. Ich starre einfach nur geradeaus. Durch mein Spiegelbild hindurch. Ein bisschen stolz macht mich das schon, dass ich mal nicht an meinem Aussehen verzweifle. Es einfach hinnehme. So wie ich auch alles andere hinnehmen sollte.
Als ich das Haus verlasse, freue ich mich als erstes über den Wind. Endlich ist es kälter. Ich habe diese Hitze letzte Woche gehasst, ich hasse den Sommer. Aber was bleibt mir anderes übrig, als auch das hinzunehmen.
Mein Handy klingelt, als ich in den Bus steige. "Was machst du?", fragt eine Freundin. "Gleich Krankengymnastik, wieso?", entgegne ich, während ich mich hinsetze. "Naja, wir treffen uns morgen mit ein paar Leuten, und wollte fragen ob du auch kommen willst?" Ich überlege kurz. "Eher nicht.", sage ich schließlich. "Hab viel zutun im Moment." Haha.
Es folgt belangloser Smalltalk. Dieser komische Typ habe sie wieder nach einem Treffen gefragt, aber er sei echt hässlich, sagt sie. "Das geht ja echt gar nicht.", antworte ich und spiele an meiner Kette herum. "War das Ironie?", höre ich sie fragen. "Du, ich bin dann jetzt auch da. Ich melde mich später."  Ich lege auf. Das nenne ich Probleme.

Auf dem Weg nach Hause sitzt mir ein Pärchen gegenüber. Er schaut sie verliebt an, sie hält seine Hand. 
Mir wird schlecht.
Das ist nicht fair, denke ich. Das ist einfach nicht fair. Mir wird bewusst, dass es halt doch noch etwas gibt, dass ich nicht einfach so hinnehmen kann.
Ich suche auf meinem iPod herum, ich muss mich ablenken. Kein Song passt zu mir. Alles handelt von Liebe. Pi rappt über sie. Woodkid singt über sie. Verlorene Liebe, die große Liebe, die Traumfrau, der Traummann. Verliebte Momente, Partynächte. Ich kann mich mit nichts identifizieren. Nichts passt. 
Über die doofe Außenseiterin schreibt keiner. Die Ungewollte, die immer nur anderen beim Glücklichsein zugucken darf. Die Tipps gibt, und es selbst nicht hinbekommt. Die seit Jahren auf das ganz große Los wartet. Und wartet. Und wartet.
Wie soll man so etwas hinnehmen? 
Ich steige aus. Viel zu früh, aber es geht nicht mehr. Dunkle Wolken ziehen auf, und ich lächle in den Himmel. Ich liebe den Regen. Wenigstens etwas gutes heute. Langsam laufe ich am Ufer des Rheins entlang. Ein paar Schiffe fahren, doch sie interessieren mich nicht. Die Strömung ist stark und ich bleibe stehen. Ich nähere mich dem Ufer, strecke die Fußspitze an die Wasseroberfläche, ziehe sie wieder zurück. Langsam drehe ich mich nach links, dann nach rechts. 
Wie bescheuert das wohl ausgesehen hat, zum Glück hat es keiner gesehen.
Nach ein paar Schritten hocke ich mich hin, halte die Hand ins Wasser. Es ist eisig kalt, vielleicht stirbt meine Hand ab. Okay, tut sie nicht.
Irgendwann ist es nicht mehr so kalt. Eigentlich gar nicht mal so übel, denke ich und lächle leicht. Minuten vergehen, bis mir die Beine wehtun und ich mich auf den Rückweg begebe. Ich laufe die Treppe zur Brücke hoch und weiche Radfahrern aus. Ein Paar, Arm in Arm kommt mir entgegen. Sie mustern mich, lächeln auf eine Art, die die Übelkeit wieder in mir aufkommen lässt. Ich brauche kein mitleidiges Lächeln. Keine aufmunternden Worte. 
Kein "auch du wirst dein Glück finden".
Während ich laufe, lasse ich meine Fingerspitzen über das Geländer der Brücke fahren. 
Gar nicht mal so übel.