19. Januar 2013

mut zur wahrheit

"ich hätte nicht gedacht dass du kommst." tolle begrüßung. ich schaue kurz nach unten und ärgere mich über mich selbst. geplant war ein nettes hi oder hallo. vielleicht auch ein herausforderndes na? - aber klar, ich muss direkt so anfangen. er guckt mich unsicher an und ich sehe wie er mit einem zettel wedelt, den er in der hand hält. 
"stand doch hier drauf", sagt er und versucht sich an einem schwachen lächeln. "das ist irgendwie seltsam."
"was genau?", frage ich und einmal mehr überkommt mich das gefühl, dass das alles hier ganz oben in der top ten meiner dümmsten ideen einsteigen wird. "meinst du den zettel, mich, den ort..?" ich habe ihn mitten in die stadt gebeten, wir stehen auf dem rathausplatz und die große uhr am gebäude zeigt mir, dass er auf die minute pünktlich ist. 20 uhr.
er lacht, und aus lauter nervosität fange ich an mitzulachen. "die ganze situation hier", antwortet er schließlich, während ich immer noch gequält lächle. "sowas passiert mir nicht jeden tag, weißt du. fremde mädchen die mir zettel zustecken"
"nicht?", frage ich und hoffe es wirkt locker und witzig. vielleicht sollte ich es nochmal mit einem nervösen lachen versuchen? okay, besser nicht. "tut mir leid", sage ich und komme noch nicht ganz damit klar, dass er jetzt tatsächlich vor mir steht. "am anfang hielt ich es für eine lustige idee, aber inzwischen..." ich mache eine wegwerfende handbewegung. "vergiss es, ich gehe, du gehst, das war einfach nur dumm von mir, ich... vergiss es einfach. bis dann."
"ist das dein ernst?", höre ich ihn sagen nachdem ich mich umgedreht habe und gehen will. "du willst das ich herkomme und machst ein riesen geheimnis aus allem, und jetzt wo ich hier bin sagst du nichtmal was das hier ist?"
ich drehe mich wieder zu ihm und halte für einen kurzen moment die luft an, weil er ziemlich verärgert wirkt. "ich hab nicht nachgedacht, okay? ich hab mich schon genug zum idioten gemacht hier, tut mir wirklich leid."
kopfschüttelnd faltet er den zerknitterten zettel in seiner hand auseinander. "wenn mir die worte zum reden fehlen, schreibe ich. das war schon immer so. vielleicht habe ich sie bis freitag gefunden, die worte. denn da warte ich auf dich, 20 uhr vorm rathaus. talua", liest er leise vor und schaut dann wieder zu mir. "du redest die ganze zeit, also scheinst du ja genug worte zu haben. und ich bin hier. und du sagst mir, warum. warum das alles?"
nur mit mühe kann ich mich von seinem blick losreißen um mich zu sammeln. ich erinnere mich daran wie ich an ihm vorbeilief und ihm diesen zettel zusteckte. was hatte ich mir dabei gedacht? warum das alles, ja warum. wie sollte ich ihm das beantworten, warum das alles, ohne mich total zu blamieren? ich schließe die augen, seufze leise. dann schaue ich wieder zu ihm. "verdammte scheiße", sage ich und lache kurz. wie konnte ich das alles hier für eine gute idee halten?
jetzt stehe ich hier, mit ihm. zwischen uns die wahrheit, die alles zerstören wird. und es gibt kein zurück mehr.